Stärken-Schwächen-Analyse im Praxisalltag

Kennen Sie das auch? In meinen Trainings ist mir aufgefallen, dass in Praxen häufig nur die Schwächen der Mitarbeiter/innen im Mittelpunkt stehen. In Meetings werden häufig nur Probleme besprochen. Dabei  sollte der Fokus doch auf das Finden von Lösungen gelegt werden. Wir sind also ständig falsch fokussiert, wenn wir uns immer nur mit Problemen und Schwächen beschäftigen. Viel erfolgsversprechender ist es doch, sich den Möglichkeiten zuzuwenden und die Stärken der Mitarbeiter/innen zu stärken.  

Werden immer nur Probleme und Schwächen in den Fokus gesetzt, gerät ein Entmutigungskreislauf in Bewegung. Ein Fehler passiert, in der Auswertung geht es statt um Lösungsfindung, dass das nicht wieder passiert ,nur um die Unfähigkeit des Mitarbeiters oder der Mitarbeiterin. Daraufhin wird derjenige unsicher und es passiert noch mehr, er beginnt an sich zu zweifeln und so weiter. Diesen Kreislauf konnte ich oft beobachten und er ist wahrscheinlich schon mal in jedem Praxisalltag aufgetreten.


Bildquelle: Jutta Teutsch

Doch warum fokussieren wir uns auf die Schwächen der Mitarbeiter/innen, statt auf die Stärken? Zum einen ordnen Stärken wir oft als selbstverständlich ein und verlieren darüber kein Wort;  stattdessen konzentrieren wir uns auf die Verhaltensweisen, bei denen die Mitarbeiter/innen nicht unserem Idealbild entsprechen. Wir lassen uns von unserem Urinstinkt leiten, orientieren uns an Stärkeren und meiden Schwächen. Das ist ganz normal und diesen Urinstinkt pflegen vor allem die Frauen unter den Führungspersönlichkeiten, die häufig ihren Fokus auch auf eigene Schwächen legen und eher an sich zweifeln. Männliche Kollegen dagegen spielen dagegen ihre Stärken eher aus.

Doch in welchem Kontext kann eine vermeintliche Schwäche eine Ressource sein? Wo ist eine vermeintliche Schwäche denn gut? Was kann Verhalten X eines Mitarbeiters oder einer Mitarbeiterin denn noch bedeuten? Im Refraiming schauen wir uns die Kehrseite der Medaille näher an. Wenn jemand beispielsweise besonders akkurat ist, hat er vielleicht große Potentiale beim Organisieren. Oder wenn jemand besonders stur ist, kann das auch ein Zeichen von großer Willensstärke und Verlässlichkeit sein. Und wenn jemand in unseren Augen vielleicht zu perfektionistisch ist, kann das bedeuten, dass er sehr zielorientiert, zuverlässig und leistungsbereit ist. Das bedeutet, dass Schwächen, die wir wahrnehmen auch übertrieben ausgeprägte Stärken sein können. Und abhängig von Aufgabe und Situation kann das gleiche Verhalten eine Stärke und eine Schwäche sein.

Es gilt also, sich bewusst zu werden, über welche Potentiale, Begabungen, Talente und Fähigkeiten die Mitarbeiter/innen im Team verfügen, um die Stärken gezielter nutzen zu können. Im Praxisalltag bedeutet das, Mitarbeiter möglichst so einzusetzen, dass sie ihre Stärken ausleben und ihre Schwächen als Stärken ausbauen können. Ich selbst habe zum Beispiel vor vielen Jahren als ZMP eine kleine Prophylaxeabteilung geleitet und musste aus Personalgründen unsere ZMV an der Rezeption für etliche Monate vertreten und ihre Abrechnung übernehmen. Vor allem das Letztere war für mich anfangs eine Qual.

Dabei hilft es, im Team ein Klima von Offenheit und Vertrauen zu schaffen und sich eher auf die positive Gestaltung von Prozessen, statt nur auf die Ergebnisse zu fokussieren. Ein freundlicher Mitarbeiterumgang, ein Lächeln oder Danke und auch eine aufrichtige Wertschätzung, die ankommt, leisten dabei gute Dienste. Gute Führungspersönlichkeiten tun alles, um die innere Erfolgserwartung bei ihren Mitarbeitern zu fördern und deren „Aufmerksamkeitsfilter“ zu justieren. Dabei leben sie ihr Engagement für Team, Patienten und Praxis und ihre Begeisterung im Praxisalltag offen aus. Denn unsere mentale Einstellung, unsere Haltung, Überzeugungen und Glaubenssätze bestimmen wesentlich, ob wir eine Anforderung als positive Herausforderung oder als negative Überforderung empfinden. Mitarbeiter/innen, die zufriedener sind, können Aufgaben leichter meistern. Sie steigern ihre Selbstsicherheit, ihr Selbstbewusstsein, wenn sie ihre Stärken im Fokus behalten. Ausstrahlung und Körpersprache bringen das deutlich zum Ausdruck und sie können besser mit Herausforderungen umgehen. Ein Ermutigungskreislauf kommt ins Rollen.

Bildquelle: Jutta Teutsch

Die Aufgabe einer Führungspersönlichkeit ist es also nicht, dafür zu sorgen, dass jeder Mitarbeiter alles kann. Stattdessen gilt es seine Mitarbeiter so einzusetzen, dass jeder seine Fähigkeiten entfalten und einbringen kann. Wird darüber hinaus die Zusammenarbeit im Team gut strukturiert, können die Mitarbeiter/innen zu einen Spitzenteam heranwachsen, in dem sich alle gegenseitig unterstützen und auftretende Schwächen kompensiert werden.

Indem wir das Potenzial der Mitarbeiter/innen erkennen und nicht nur die gegenwärtige Leistung allein beurteilen, eröffnen sich neue Perspektiven. Es gilt, die Befähigung und Motivierung des Teams und jedes Einzelnen zu fördern, die Mitarbeiter dazu befähigen, innerhalb ihres Tätigkeitsgebiets eigenständig zu entscheiden und zu handeln und sie zu motivieren, zukunftssichernde Ideen in den Praxisalltag einzubringen und damit den Weg einer stärkenfokussierten Entwicklung einzuschlagen. Ziel ist, langfristige Loyalität und Treue gegenüber der Praxis aufzubauen und als Teil eines starken Teams aktiv an deren langfristigem Erfolg mitzuwirken.       

Jutta Teutsch

Businesscoach und Teamtrainerin